Rom global 1500–1700: Praktiken und Objekte des Gabentausches
Kolloquium von Prof. Dr. Günther Wassilowsky
Nachdem Generationen von Historikerinnen und Historiker die Stadt, die Kurie und den Hof der Päpste als System an sich und als weltweit ausstrahlendes politisches, religiöses und kulturelles Zentrum untersucht haben, legt die neuere internationale Romforschung viel mehr Aufmerksamkeit auf die tiefgreifenden globalen Prägungen ihres Gegenstandes selbst. Insbesondere das frühneuzeitliche Rom erscheint inzwischen als ein höchst komplexes, hybrides, multidimensionales Gebilde, das in vielfachen wechselseitigen Austauschprozessen und in vielschichtigen institutionellen Verflechtungen auch mit außereuropäischen Kulturen und Mächten und mit nichtchristlichen Religionen stand.
Das Kolloquium am Historischen Kolleg in München dient primär dem Zweck, diese globalhistorische Lesart des frühneuzeitlichen Rom weiter zu erproben und anhand konkreter Fallbeispiele und Einzelstudien zu vertiefen. Neue mögliche Untersuchungsfelder sollen stichprobenartig erschlossen und gemeinsam sollen neue Fragestellungen entwickelt werden. Und nicht zuletzt soll die deutschsprachige frühneuzeitliche Romforschung mit globalhistorisch arbeitenden Forscherinnen und Forscher insbesondere aus Italien ins Gespräch gebracht werden.
Das Thema des Kolloquiums fügt sich ein in den größeren Rahmen des von Günther Wassilowsky am Historischen Kolleg verfolgten Forschungs- und Buchprojektes, das sich mit der Figur von Gnade und gratia in den unterschiedlichen Segmenten römischer Kultur beschäftigt. Konkret geht es bei der Tagung um die Praktiken und Objekte des im frühneuzeitlichen Rom vollzogenen globalen Gabentausches. Zu welchen Anlässen und in welchen Zusammenhängen wurden in Rom Gaben dargeboten und gewechselt?
Was war der Sinn dieses für alle Bereiche der römischen Kultur so zentralen Gabentausches? Welche Absichten verfolgten die jeweiligen Geber? Auf welche Weise wurden damit Verpflichtungen erzeugt? Wirkte hier von päpstlicher Seite nur verdeckt der alte römisch-imperiale Universalismus weiter oder wurden Geltungen und Deutungen tatsächlich auch wechselseitig neu ausgehandelt? Welche Rolle kam der materialen Gestalt eines Geschenkes zu (etwa dessen gezielt kulturhybride Form)? Welche Struktur von Reziprozität wiesen die unterschiedlichen Gabehandlungen auf? Vor allem aber: Inwiefern waren solche Gabepraktiken in Rom Ausdruck und Instrument des Vollzugs weltweiter Globalität? Inwiefern machte sich Rom durch seine Gaben ganz gezielt an Andersorten präsent und auf welche Weise schrieben sich damit nichteuropäische und nichtchristliche Akteure dauerhaft in der Stadt Rom und am päpstlichen Hof ein?

Als oberster bischöflicher Hirte, als höchster Richter und Souverän der Christenheit und nicht zuletzt als Fürst eines eigenen Staates hatte ein Papst in exklusiver Weise alle möglichen materiellen und immateriellen Güter zu vergeben, auf welche die Empfänger – und das ist das entscheidende Charakteristikum dieser Art von Gaben – keinen formalen Anspruch erheben konnten. Aber die Päpste waren bekanntlich längst nicht nur Geber, sondern selbst genauso Empfänger von Gaben. Vielfach standen materiale Objekte im Zentrum des römischen Gabentausches: Bildwerke, Bücher und Manuskripte, Briefe, Medaillen und Goldene Rosen, Reliquien und Rosenkränze, alle möglichen Arten von nichtchristlichen Kultgegenständen, Steine, Pflanzen, Tiere und vieles andere mehr wechselten in Rom ihre Besitzer. Aber, wie gesagt, geht es nicht nur um materielle Güter, sondern ebenso um Dispense, Lizenzen, Ablässe, Privilegien, Benefizien, Ämter, Ehrentitel, Ergebenheits- und Loyalitätsversprechungen etc.
Mit seiner Vielzahl an weltweit agierenden Kurialorganen und missionstreibenden religiösen Ordensgemeinschaften oder mit seinen aus aller Welt kommenden diplomatischen Vertretungen und politischen Gesandtschaften dürfte es wenige Orte in der Vormoderne gegeben haben, an denen sich Globalität in einer derartigen Dichte und Intensität niederschlug. Genauso stellten die vielen Höfe von Kardinälen und Adelsfamilien mit ihren musikalischen und theatralen Bühnen, die Intellektuellenzirkel und Akademien, die Gruppierungen religiöser Minderheiten oder aber die reichen Objektsammlungen in den Museen, Bibliotheken, Archiven, Sakristeien etc. allesamt Institutionen und Laboratorien dar, in denen in Rom nichteuropäisches Wissen kollektiert, geordnet und gedeutet wurde und in denen man große Anstrengungen unternahm, um die eigene Kultur ins Verhältnis zu setzten zu den vielen anderen Kulturen der Welt. All dies mag es wert sein, das alte Rom noch einmal in neuem globalhistorischem Licht zu entziffern.
Eine Teilnahme an der Veranstaltung ist nur nach bestätigter Anmeldung möglich. Der Zugang zum Haus ist nicht barrierefrei.
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